Rotkäppchen und...

2011

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Universität Potsdam
Das architektonische Ensemble der neuen Universität Griebnitzsee spiegelt die wechselvolle Geschichte des Ortes eindrücklich wieder. Der Altbau, im heroischen Stil des Faschismus erbaut, wurde vom Architekten aufgebrochen und mit einem Neubau durchdrungen, um so die Demokratisierung des Ortes auch baulich zu manifestieren. Ein zwischen dem Alt- und Neubau befindliches Wäldchen wurde erhalten und dient den Studenten zum Verweilen.
Die Geschichte des Ortes ist symbolisch eng mit der Farbe Rot verbunden. Hier hatte das von Hitler gleichgeschaltete Deutsche Rote Kreuz seine nationale Hauptgeschäftsstelle, bis die sowjetische Rote Armee das Gelände im zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten eroberte. Die Symbolfarbe des Sozialismus gab dann bis zur Wende 1989 den Ton an.
Eine rote Kopfbedeckung ist auch der Namensgeber einer der bekanntesten Erzählungen Europas: Rotkäppchen. Die Vertrautheit des Bildes des Rotkäppchens eröffnet weitreichende und ungeahnte Möglichkeiten für eine künstlerische Intervention an einem historisch kodiertem Ort wie diesem.
An drei Positionen, des neu entstandenen Universitätsgeländes wurden jeweils identische Fassungen ein und derselben Skulptur aufgestellt um so das Potential der unterschiedlichen Bauepochen als Folie zu nutzen. Den Ausgangspunkt bildete ein Porzellanensemble aus den 1930iger Jahren, das „Rotkäppchen und der Wolf“ darstellt. Das handgroße Ensemble wurde auf 230 cm vergrößert, wobei die Figur des Wolfs entfernt wurde und allein das Rotkäppchen auf dem jetzt etwas zu groß erscheinenden Sockel verbleibt. Das Fehlen des Wolfes läßt sich durch die Fußspuren im Sockel sowie durch die merkwürdig anmutende Einbuchtung im Rock der Mädchenfigur erschließen.
Rotkäppchen und der Wolf bilden eine feststehende Einheit von Gegensätzen – sie sind untrennbar miteinander verbunden und werden stets in einem Atemzug genannt. Rotkäppchen steht für das Gute, Unschuldige und Reine, der Wolf hingegen für das ultimativ Böse. Durch die Entfernung der Figur des Wolfes wird das Böse entpersonifiziert und der Darstellung entzogen - die Gefahr verliert ihre konkrete Gestalt. Die entstehende Leerstelle bildet den Resonanzraum, in dem sich neue, überraschende Assoziationen vor den unterschiedlichen „Backdrops“ der Platzierungen entfalten können. Während vor dem Altbau im „heroischen Stil“ die stilistisch passende Darstellung des Ensembles an die Zeit des Faschismus denken läßt, wirkt sie im Gehölz ganz und gar selbstverständlich und wie im Märchen ursprünglich beschrieben. Vor dem Neubau schließlich wird sie mit der heutigen zeitgenössischen archtiektonischen Situation konfrontiert.
Im Kontext der Universität mit seiner wechselvollen Geschichte kann das Rotkäppchen symbolhaft für ein durch totalitäre Kräfte bedrohtes Individuum gelesen werden.
 
Photo: inges idee